Königssehnsucht

Dass die Dissertation von Karl-Theodor zu Guttenberg (nachfolgend KTG abgekürzt) in wesentlichen Teilen nur aus copy&paste-Textschnipseln besteht, ist mittlerweile klar und sollte auch jedem, der das Tagesgeschehen nur verfolgt, klar sein. Nach einer gestern veröffentlichten Umfrage von Infratest Dimap sieht das allerdings bisher nur die Hälfte der Befragten so und drei Viertel der Befragten meint, dass dies kein Grund für einen Rücktritt als Verteidigungsminister ist. Selbst wenn man die Unschärfen einer solchen Meinungsumfrage berücksichtigt (über deren Methodik sich sowohl ARD als auch Infratest Dimap mal wieder ausschweigen), scheint es eine Mehrheit meiner deutschen Mitbürger nicht zu interessieren, welche Affären und Skandale KTG noch so alles produziert. Eine einmal aufgebaute „Lichtgestalt“ lässt man sich offensichtlich nicht so schnell kaputtmachen. Offensichtlich steckt da bei vielen eine Sehnsucht nach einem Kaiser, König, Führer oder Jesus dahinterzustecken. Möglicherweise sind sie von der Politik, wie sie läuft, enttäuscht oder abgeschreckt und hoffen eben auf einen benevolent dictator. Dass man mit den beiden letzten großen deutschen Diktatoren eher nicht so gute Erfahrungen gemacht hat und diese nur durch verheerende Kriege losgeworden ist (Ulbricht und Honecker mal außen vor gelassen), scheint da entweder vergessen oder keine Rolle zu spielen.

Nun mag man einwenden, dass man als Verteidigungsminister nicht unbedingt promoviert haben muss, was sicher richtig ist. Wenn man aber dem Titel so ehrgeizig hinterherhechelt, wie das KTG getan hat, muss man auch damit leben, wenn das Ergebnis Stück für Stück auseinandergenommen und für zu leicht befunden wird. Am Freitag hätte er vielleicht noch die Möglichkeit gehabt, sich durch ein ehrliches Bekenntnis einigermaßen aus der Affäre zu ziehen. Diese Möglichkeit hat aber mit seiner verdrucksten Erklärung („Es wurde … zu keinem Zeitpunkt bewusst getäuscht…“) vergeben. Abgesehen davon wird heute in einem Artikel der FAS haarklein aufgelistet wie KTG, bevor er Wirtschaftsminister wurde, seine Biografie geschönt hat.

Abgesehen von all den Lügen in Zusammenhang mit seiner Dissertation hat das Ganze für mich aber eben doch eine politische Dimension: Einerseits ist es schon verwunderlich, wie unbeschadet KTG aus allen Affären der letzten Monate (Kundus, Gorch Fock, geöffnete Post, beim Waffenreinigen erschossener Soldat) hervorgeht. Andere Minister hätten dafür schon zweimal zurücktreten müssen, KTG schafft es aber, alles durch seine Forschheit zu überspielen, man könnte auch sagen, seine Wähler zu blenden (die sich, siehe obenwohl auch blenden lassen wollen).

Dazu kommt die Urheberrechtsfrage. Die Dissertation besteht neben den gekennzeichneten Zitaten offensichtlich zu Hunderten aus nicht  sauber referenzierten Plagiaten. Nun ist KTG Mitglied einer Bundesregierung, die sich den Schutz des Urheberrechts explizit auf die Fahnen geschrieben hat.  Dazu will sie für die Verleger auf deren Wunsch hin sogar eine eigenes Leistungsschutzrecht einführen, das Google (und anderen Suchmaschinen) verbieten soll, sogar verlinkte Schnipsel aus frei zugänglichen Texten der Verlage anzuzeigen. Wenn KTG jetzt mit seiner Dissertation durchkommen sollte und Merkel&Co („Das Internet ist kein rechtsfreier Raum.“) aber so weitermachen wie bisher, wird das Ganze endgültig zur Farce. Ich befürchte bloß, dass man ihnen auch das noch abnehmen wird. Die Zeitungen werden sich jedenfalls hüten, den Zusammenhang herzustellen, hier ist von der „vierten Gewalt“ jedenfalls nichts zu erwarten. Als Wikipedia-Autor und-Admin bleibt noch festzustellen, dass, würde KTG weiter seinen Doktorgrad behalten, es auch uns bei der Wikipedia-Arbeit wesentlich schwerer gemacht werden würde, auf Verletzungen des Urheberrechts hinzuweisen.

Zum Schluss noch der schon fast lustig anmutende Hinweis darauf, dass die Biografie von KTGs Doktorvater Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Peter Häberle auf den Seiten der Universität Bayreuth ohne Quellennachweis bei Wikipedia abgekupfert wurde.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Responses to Königssehnsucht

  1. LOB sagt:

    Auf den Punkt, danke für die klaren Worte. ich wunder mich auch, besonders erstaunt haben mich die aktuellen FAZ Artikel zur Person,den u.a. über den aufgeblähten Lebenslauf – wie wird man in Deutschland Minister. Kein Assessment-Center hätte ihm bei Unilever, der Post usw. die Tür geöffnet – alles nur Herkunft – schon beschämend, auch bezüglich der Personalwahl unserer Kanzlerin. Was, wenn auch der neue Bundesbank Chef so eine Tonpfeife ist, im Internet kursiert schon ein Streit zwischen der UNI Mannheim und Bonn. Die Bonner nennen ihn herausragend und die Mannheimer halten die Wahl für einen Fehler.

  2. Fag Ott sagt:

    Dass man ihm seinen Adel ankreidet ist nichts anderes als Rassismus.

    Das ist als ob man Özdemir seine Herkunft ankreidet.

    • mazbln sagt:

      Ich habe ihm seinen Adel nicht angekreidet. Ansonsten ist der Adel in Deutschland seit 1918 abgeschafft. Wenn er selber auf die Adelsherkunft Wert legt, ist das sen Problem.

    • Kristin sagt:

      „Deutscher Adel“

      Eigentlich ist dieser Titel, nämlich „Deutscher Adel“, irreführend, denn es gibt keinen Adel mehr in Deutschland. Trotzdem sind einige Menschen als „deutsche Adelige“ bekannt und tragen einen „deutschen Adelsnamen“.

      Merkwürdig, oder?

      Meine Theorie dazu ist, dass diejenigen Deutschen, die öffentlich als Adelige mit Adelstitel bezeichnet werden, dass diese Menschen meistens wenig eigene Leistungen vorzuweisen haben, die sie auszeichnet. Denn wozu sonst verwendeten sie öffentlich einen Adelstitel? Wieso nennt sich jemand „Baron…“ oder „Prinz von…“, es sei denn, er hat nix anderes anzubieten, was ihn irgendwie auszeichnet. Keine herausragenden akademischen oder beruflichen oder politischen Leistungen.

      Also Daumenregel: Wer in Deutschland als Adeliger bekannt ist, hat kaum oder wenig meritokratischen Leistungen vorzuweisen.

      Als Beispiel: Hermann Otto Solms.
      War jahrelang Politiker, hat Leistung erbracht. Ist FDP-ler. (nicht meine polit. Richtung).
      Außerdem hat er einen Adelstitel, von dem aber kaum jemand irgendetwas weiß. In der Öffentlichkeit ist er nur unter bürgerlichem Namen bekannt.
      Hermann Otto Prinz zu Solms-Hohensolms-Lich
      http://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Otto_Solms
      Hat übrigens auch einen Dr.
      Das ist schon eher meritokratisch, man kann zwar vermuten, dass er aus begütertem Elternhaus mit viel Vitamin B kommt und daher Vorteile hatte, aber immerhin geht er nicht mit Titel und Ehefrau hausieren.

  3. feliksdzerzhinsky sagt:

    Das hat der arme Mann nicht verdient:
    Uneingeschränkte Solidarität mit Dr. zu Guttenberg!

  4. Klaus sagt:

    Es wurden 500 Leute befragt. Daraus abzuleiten, dass ‚die Mehrheit‘ der Deutschen von einem Betrüger und Lügner regiert werden will, ist Manipulation (wie sie auch die Professoren aus dem Arsch der CDU, „Stahlgewitter“-Langguth und Korte, betreiben. Jürgen Falter, der Doktorvater von Schröder, hat selbst eine dürftige Diss hingelegt, voller Zitate (wohl aber kein Plagiat)

    • mazbln sagt:

      Meine Probleme mit der Art der Meinungsumfrage hatte ich im Artikel schon erläutert. Allerdings scheint sie in der Tendenz ja nicht ganz falsch zu liegen, und das allein ist schon bedenklich genug.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s