Die Rezeption der Jugoslawienkriege in Deutschland und Frankreich

Tagung „Der Jugoslawienkrieg in der Wahrnehmung in Deutschland und Frankreich“

Tag 2: 30.11.2012

Wolfgang Höpken: Carnegy-Kommission bezüglich Balkankriege 1912/13
Jugoslawienkriege als Ausdruck der Moderne oder übernommenen Vorstellungen?
Friedfertige Moderne?
Gewaltwahrnehmung der Jugoslawienkriege: sexuelle Gewalt, Vertreibung (ethnisch cleansing), Genozid-Debatte (auch Ruanda)
Mobilisierung des Politischen: humanitärer Interventionalismus
Historisierung der Politik (problematisch) – von der deutschen Verpflichtung zur Gewalfreiheit zur Verpflichtung der Intervention
Intellektuelle Selbstmobilisierung (-mobilmachung?) in F, in D eher Ruhe; Rechts-Links-Schema funktionierte nicht
Moral wurde Entscheidungskategorie, die das Recht überlagerte
Rückbezug auf den Nationalsozialismus (Münchner Abkommen, Vernichtungspolitik)
Berufung auf den“Europäizität“ von beiden Seiten
Für Intellektuelle immer noch unbewältigtes Erbe

Interessen/Interessenten hinter gewaltbehafteter Identitätspolitik?

Kosovo-Intervention war größter Tabubruch in bundesdeutscher Geschichte

Thomas Bremer: Neues serbisches Forum Münster „Srpska strana rata“

Opposition in Jugoslawien war per se nationalistisch (anders als in Polen und der DDR)

Marie-Janine Calic: Jugoslawienkriege haben dazu beigetragen, dass sich internationale Friedenssicherungsinstitutionen gebildet haben (KSZE?)
Anerkennung Sloweniens und Kroatiens hat zwar nichts in Bezug auf Kroatienkrieg geändert, aber die Auswirkungen auf Bosnien wurden nicht berücksichtigt (abgesehen von den Beziehungen innerhalb der EG und in Beziehungen zur USA).
Responsibilty to protect (war eine Idee franz. NGO/Kouchner Ende der 80er) 2005 institutionalisiert
(Frau Calic wie schon in ihrem Buch eher deskriptiv als analytisch)

Nadege Ragaru (hohe Wortfrequenz in Englisch) stellt die Medienrezeption der Kriege aus franz. Sicht Dar. Immerhin weist sie darauf hin, dass nicht alle Serben Milosevic folgten (die serb. Gesellschaft im Prinzip gespalten war – und ist) und dass der Islamismus in Bosnien erstarkte.
Der Nationalismus in Slowenien und Kroatien wurde als guter demokratischer, der in Serbien als böser kommunistischer angesehen.
In Frankreich wurde Sarajevo als positives Beispiel für Multikulturalismus gesehen, während die Banlieus gerade zu entgleiten schienen.
People think in analogies (WW2, Vietnam, Somalia).

Calic: D hat hauptsächlich aus Bündnistreue am Kosovokrieg mitgemacht. Planungen, wie es nach Beginn des Krieges weitergehen sollte, gab es nicht (hat Fischer auch nicht interessiert). Entscheidend war: Wie steht Deutschland da?
Medien hatten auf Entscheidungen der deutschen Politik nur geringen Einfluss (siehe Nichteingreifen in Libyen trotz medialem Trommelfeuer)

(Nenad Stefanov würde trotz seines Namens äußerlich als properer Schwede durchgehen.)

Hannes Grandits: War der Jugoslawienkrieg eine Ausnahme (in Bezug auf die Gewaltforschung)?
Kriege nach 1945 waren meistens innerstaatliche Kriege.
Bisher wurde meist der politische Hintergrund der Jugolawienkriege untersucht und wenig die Gewaltdynamik.
Vermeintliche Macht von Ethnos und Religion auf dem Balkan.
Grandits arbeitet noch mal den Massaker-Hoax von M. Bax in Medjugorje auf. Aber überhaupt gibt es das Problem der fehlenden vertrauenswürdigen Quellen insbesondere in Bezug auf Massaker, Gewalt und Kriegsökonomie.
Blick auf regionale und lokale Akteurskonstellationen ist notwendig – bisher kaum erforscht.

Cornelia Sorabji (London) spricht hauptsächlich über Gewaltwahrnehmung am Beispiel Syriens.
Al-Quaida as a franchise system.
Kriegsökonomie und -gwinnler wissenschaftlich noch kaum untersucht.
Risk aversion of the governments – wait and see politics
Grandits: lokale Gewalt als Ergebnis des Gefühls des Machtverlustes der lokalen Herrschenden.

Natalija Basic: Interviews in der Erforschung dienen bestenfalls der Ermittlung der Selbstsicht der Leute.
Täterforschung ist schwierig, aber wichtig. Aber auch die Zuschauer müssen untersucht werden.
„I am not a Gewaltspezialist.“
Opferforschung für Hochschulen und NGOs ist viel angenehmer und leichter als Täterforschung. ICTY hat viele Unterlagen, hält diese aber unter Verschluss.
In Knin forscht es sich leichter als in Srebrenica.
Wann und unter welchen Umständen öffnen sich Gewalträume?

Tag 3: 01.12.2012

Jugoslawienkriege 01.12.2012

Heike Karge: Von der Gesellschaft zum Gedächtnis und irgendwann zurück?

Isabel Depla, Xavier Bougarel: Investigating Srebrenica, New York 2012

Was ist der Sinn der Denkmäler, die nach denn Jugoslawienkriegen entstanden sind?

Bewusste Opfer und passive Opfer

Europa Jugoslawica – das jugoslawische Europa

Welche Rolle spielen Emotionen in der Geschichtsschreibung? – muss untersucht werden

 

Isabelle Delpla: über den ICTY

Massenverbrechen als bürokratische Verbrechen (siehe Nürnberger Prozesse)

Opfer haben zuviel von dieser Institution erwartet

ICTY urteilt nur über strafrechtliche Verantwortung, nicht über die politische – was aber andererseits praktisch nicht erfolgte

Opfer sehen Verbrecher üblicherweise auf Gemeindeebene, nicht auf staatlicher/halbstaatlicher Ebene

Prijedor-Opfer sehen prozentual größere Opferanteile bei sich als bei den Einwohnern von Srebrenica.

Rolle der Gemeinden wurde vom ICTY gut aufgearbeitet.

Täter von Srebrenica und Prijedor haben sich nicht auf Befehlsnotstand berufen.

Verurteilung von Kriegsverbrechen hat keinen unmittelbaren Einfluss auf die Demokratisierung der betroffenen Länder.

Srebrenica ist Symbol für staatliche Verbrechen, Prijedor für Verbrechen der Nachbarschaft.

Christian Voss: „Sie können deutsch, französisch, englisch oder BKMS fragen.“

Delpla hat keinen Kommentar zum Haradinaj-Urteil, hat das nicht verfolgt.

Sundhaussen: Es gibt es in der Historie immer wieder „normale“ Menschen (also keine erkennbaren Psychopathen), die in Kriegssituationen zu Massenmomördern werden. Delpla: Das passiert aber nicht von heute auf morgen.

 

Holm Sundhaussen: Wie hat sich die Südosteuropaforschung verändert? Wachsende Skepsis gegenüber nationalen Narrativen.

Nationale Narrative konstruieren Vergangenheit, sind aber nur partiell historisch.

Nationale Hackordnung zwischen „natürlichen“ und „artifiziellen“ Nationen

Ob die Kroaten, Serben, Makedonier, Bulgaren, ganz zu schweigen von den Griechen, älteste Nationen sind, ist noch nicht entschieden. 😉

Südosteuropaforschung hat den Umbruch/die Jugoslawienkriege bis 1989 nicht vorausgesehen.

Simon: Während der Kriege war die Wissenschaft abwesend. – Sundhaussen: Mitunter ist das Schweigen der Lämmer besser als ihr Blöken.

Die postjugoslawischen Kriege waren in der Tat ethnische Kriege. Die Ursachen müssen aber gesondert betrachtet werden.

Als die Kriege vorbei waren, waren alle (in der deutschen/französischen Öffentlichkeit) froh, sich wieder einfachen Fragen widmen zu Könnens diesem durchschauen Balkan.

 

Xavier Bougarel:

Legte bei seiner Forschung Schwerpunkt auf Milizen/Machtstrukturen und die Kriegsökonomie.

Mehr als die Hälfte der Opfer des Krieges waren Militärangehörige (verschiedener Art).

Realität der Kämpfer ist bisher von der Wissenschaft ignoriert worden.

Die ehemalige jugoslawische Zone ist kein postnationaler, aber ein postimperialer Raum.

Realität des Staates darf auch bei der lokalen Betrachtung nicht außer acht gelassen werden.

Nationalisten in BiH haben das Komsiluk während der Osmanenzeit zerstört.

Ethnische Bedeutung ist nicht primär, aber auch nicht indifferent.

Wenige Nachbarn haben ihren Nachbarn umgebracht. (Heike Karge: Das gilt wohl nicht für die Tötungen in den Lagern – aber da hatten nur ganz bestimmte Mobilisierte Zugang.)

Es sollte untersucht werden, wie der Krieg in den Alltag der Menschen getreten ist.

Sundhaussen „quält“ sich auch mit dem Komsiluk herum: Gibt/gab es da eine bosnische Besonderheit? Bougarel: Komsiluk gibt es auch in anderen Gesellschaften. Komsiluk ist die Antithese zu den bürgerlichen Gesellschaften.

Solange der Krieg nicht in der Stadt/dem Dorf angekommen war, glaubten die Menschen nicht an den Krieg.

Sundhaussen: Solange die Ethnizität keine Rolle spielte (Pax Ottomanica), hat das Zusammenleben funktioniert.

Bougarel: Kommunistischen Diskurs war ein Modernisierungsdiskurs, hat die Nachbarschaftsbeziehungen zerbrechlich gemacht.

Komsija – Susjet?

Sundhaussen: Warum war Jugoslawien ein Imperium? Bougarel: Stärker zentraler Führer, aber stark dezentralisierte Regierungsgewalt einschließlich Klientelismus.

War Zusammenbruch Jugoslawiens Folge einer mangelnden ökonomischen Strukturanpassung?

Bougarel: Südosteuropastudien haben nach den Jugolawienkriegen nichts revolutionär Neues hervorgebracht. Sundhaussen: Das liegt auch daran, dass Wirtschaftsgeschichte in Westeuropa marginalisiert ist.

Beispiele Rumänien, Jugoslawien und Griechenland zeigen, dass ein Überstülpen moderner Strukturen nicht in kurzer Zeit wirklich erfolgreich sein kann.

Ergebnisse der Tagung werden in der Zeitschrift Südosteuropa publiziert.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s